Stipendiaten 2012/2013

Tim Trantenroth

o.T. (Ecke), 2008

Im Zentrum der figurativen Malerei von Tim Trantenroth steht der öffentliche Raum. Viele seiner Serien zeigen architektonische Strukturen, andere verweisen auf Bedrohungslagen und Gewaltszenarien in städtischen und ländlichen Räumen. Der Großteil der Bilder entsteht in Öl auf Leinwand, viele seiner Werke realisiert er aber auch als ortspezifische Wandarbeiten.

In den Serien „Überwachungskameras“ (2005-2006) und „Barrieren“ (2005-2007) bringt der Künstler Variationen der titelgebenden Motive zur Anschauung und thematisiert damit den Entwurf urbaner Räume als Gefahrenzonen. Während diese Bilder auf Strategien der Gefahrenabwehr ausgerichtet sind, fokussieren die Serie „War on terror“ (2005-2006) und der „Kunduz-Zyklus“ (2010) auf reale Tatorte, die der weltweite Terrorismus und der Krieg in Afghanistan hervorgebracht haben. Da beide Serien auf Medienbildern basieren, werden Fragen nach der Verfasstheit dieser Bilder und deren Bedeutung für die öffentliche Meinungsbildung aufgeworfen.
Die Wandarbeiten hingegen zeugen von der Faszination des Künstlers für ornamentale Fassaden und moderne Betonbauten. Mit Fragmenten und Elementen dieser Gefüge erzeugt er illusionistische Bildräume, die das Auge ebenso verführen wie irritieren, wenn sich die gemalten Perspektiven denen des realen räumlichen Umfelds widersetzen. Dass diese Wandarbeiten meist an unwirtlichen Nicht-Orten entstehen, befeuert das intellektuelle Spiel und steigert den ästhetischen Genuss.

Im Rahmen des Arbeitsstipendiums will sich Trantenroth mit den Berliner Flughäfen beschäftigen und insbesondere die Gebäude-Mensch-Relationen sowie die Sicherheitssysteme mit malerischen Mitteln untersuchen.

Tim Trantenroth wurde 1969 in Waldsassen (Fichtelgebirge) geboren. Er hat zwischen 1991 und 1998 an den Kunstakademien in Münster und Düsseldorf studiert und war Meisterschüler bei Professor Jan Dibbets. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt (u.a. „Subjektive Gewissheit“, kunstgaleriebonn, 2011; „The Library of Babel“, Zabludowicz Collection London, 2010; „Berlin 89/09“, Berlinische Galerie, 2009). Tim Trantenroth hat Stipendien des Kunstfonds Bonn (2011), des Landes NRW (1998-2000) und für das Cité Internationale des Arts Paris (1994) erhalten.

www.timtrantenroth.de

Monika Goetz

Videoinstallation von Monika Goetz

Sunrise & Sunset, 2010 (Foto: Thomas Bruns)

Zentrales Thema im Werk der Installationskünstlerin Monika Goetz ist die Wahrnehmung des Menschen, die sie über minimale aber äußerst wirkmächtige Eingriffe in Räume oder Landschaften nachhaltig irritiert. Natürliches wie künstliches Licht sind in ihren präzisen Installationen wesentliche Bezugspunkte, sei es als Sonnenaufgang im Park, den sie gefilmt und am gleichen Ort bei Sonnenuntergang projiziert hat (Sunrise & Sunset, Kleiner Tiergarten Berlin, 2010), oder in Gestalt von Leuchtstoffröhren, mit denen sie Ausstellungsräume öffnet, verwandelt und bisweilen neu erfindet. So hat Goetz in einer Gründerzeitvilla ein neues Fenster installiert, das den Blick frei gibt auf einen unergründlichen, allein durch Teilreflexspiegel und Kunstlicht geschaffenen Raum (Inner and Outer View, Lettrétage, Berlin 2007). Häufig sind es Spiegel, über die die Künstlerin in ihren meist körperlich erfahrbaren Arbeiten den Standort des Betrachters und dessen Raumwahrnehmung in Frage stellt.

Während ihres Jahresstipendiums will sich Monika Goetz verstärkt mit dem Auflösen von Räumen und der Abwesenheit von Licht sowie den physischen wie psychischen Wirkungen ihrer Werke beschäftigen.

Monika Goetz wurde 1968 in Würzburg geboren und hat zwischen 1993 und 1998 an der Kunsthochschule Kassel bei Urs Lüthi studiert. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen (u.a. „An Exchange with Sol LeWitt“, Massachusetts Museum of Contemporary Art 2011; „Fractured Space“, Georg-Kolbe-Museum Berlin, 2011; „Realm of the Mind“, P.S.1/MoMA, NYC, (2002-04). Sie war Stipendiatin der Käthe-Dorsch-und-Agnes-Straub-Stiftung (2007), der Pollock-Krasner Foundation, New York (2007) und des DAAD (1998).

www.monikagoetz.net

Matthäus Thoma

Installation von Matthäus Thoma

be a good screw, 2008 ( Foto: Hannes Malte Mahler)

Der Bildhauer Matthäus Thoma arbeitet an großformatigen Skulpturen und ortspezifischen Installationen, die er aus rohen Balken, Leisten und Brettern fertigt. Die in Skizzen und Modellen entwickelten Gebilde aus Holz werden erst vor Ort realisiert – und nach Abschluss der Ausstellung wieder zerlegt. Während seine Skulpturen meist kompakte Formen und Körper markieren, winden sich die fragilen Installationen scheinbar unkontrolliert durch den Raum. Die offene Struktur der filigranen Arbeiten und ihre bisweilen raumgreifende Dimension animieren den Betrachter zum fortwährenden Perspektivwechsel und lassen ihn Innen und Außen, Ruhe und Bewegung sowie die Beziehung zwischen Werk und Raum immer wieder neu erfahren. Stephan Berg resümiert: „Mit ihrem scheinbaren Versprechen, doch irgendwie nach einer nachvollziehbaren Logik (nämlich der der Architektur) zu funktionieren, locken sie den Betrachter hinein in ihren aus Latten und Brettern gezimmerten Strudel, der dann seine ganz eigene labyrinthische Wirklichkeit behauptet.“ (Berg, Stephan: „Vom Glück, nicht stehen zu bleiben“. In: Einbruch. München: E.ON Energie AG, 2006).

Das Stipendium will Thoma nutzen, um die farbliche Gestaltung seiner Skulpturen zu erproben.

Der 1961 in München geborene Matthäus Thoma hat von 1992 bis 1998 an der Hochschule der Künste in Berlin bei Professor Marwan Kassab-Bachi studiert. Seine Arbeiten waren national und international in zahlreichen Ausstellungen zu sehen (u.a. „Sculpture Means Diversity“, Galleria Glance, Turin, 2011; „Skittle Alley“, Bellevuesaal Wiesbaden, 2009; „Die Macht des Dinglichen“, Georg-Kolbe-Museum Berlin, 2007). Thoma hat Arbeitsstipendien der Stiftung Kunstfonds (2002), der Konrad-Adenauer-Stiftung (2007) und des Berliner Senats (2008) erhalten.

www.matthaeusthoma.de

Projekte 2012

Raumbild-Bildraum

Ein interdisziplinäres Kunstprojekt von Sabine Ammer und Anna Kubelík

Probesituation

Das Projekt Raumbild-Bildraum steht für die Verbindung von Zeichnung, Objektkunst und Performance. In dialogisch performativen Prozessen werden die Künstlerinnen Sabine Ammer und Anna Kubelík gemeinsam Werke realisieren, die vom Betrachter im Entstehen und als komplexe Installation erlebt werden können. Ausgangspunkt ihrer Kooperation als Künstlerpaar ‚Re-Aktion’ ist dabei die Erkundung des körperlichen Erlebens in der Kunst.

Das Projekt wird in Räumen veranstaltet, die Sabine Ammer zu ihren Zeichnungen auf großformatigen Papieren anregen werden. Die Architektur wird in den Bildern ebenso ihren Niederschlag finden wie temporäre Lichtsituationen oder bewegte Personen. Zu denen zählt zuvorderst die Tänzerin Marlene Raker, die sich ebenfalls auf die dynamischen Bedingungen der Räume beziehen wird. Nach vereinbarten Spielregeln wird Anna Kubelík den grafischen Prozess immer wieder unterbrechen und den Bildträger nach Origami-Tradition falten. Im Wechsel zwischen Zeichnen und Falten, Aktion und Reaktion werden so aus zweidimensionalen Bildern raumgreifende Objekte entstehen.

Die Performances und Präsentationen werden ab Mitte des Jahres in verschiedenen Räumen in Berlin zu sehen sein. Bestandteil des Projekts sind kleine Modelle und ein Daumenkino, die käuflich erworben werden können. Im Wesentlichen wird das Projekt durch die Förderung der Hans und Charlotte Krull Stiftung ermöglicht.

Sabine Ammer wurde 1978 in Freising geboren und wohnt seit 2007 in Berlin. Zuletzt hat die Malerin in der Michaela Helfrich Galerie ausgestellt („Kunst Entreé“, 2011). Anna Kubelík wurde 1980 in Luzern geboren. Sie ist als Künstlerin und als Schauspielerin tätig. Jüngst war von ihr eine kinetische Skulptur im Radialsystem V, Berlin zu sehen (Aladin, 2011).

www.sabineammer.de
www.annakubelik.com

Macht der Freiheit oder Freiheit der Macht

Eine videoskulpturale Installation von Costantino Ciervo

Ansicht vom Ausstellungsaufbau (Foto: Matthias Reichelt)

Aus Anlass des 300. Geburtstags Friedrich II. hat der Multimediakünstler Costantino Ciervo eine Installation geschaffen, die den ambivalenten Herrscher als Kristallisationspunkt für den fortwährend aktuellen Diskurs um Macht und Moral inszeniert.

Im Zentrum der Installation stehen zwei vollständig von Kichererbsenhälften bedeckte Schaufensterfiguren. Ein Überzug, der Panzerhemden oder Hautkrankheiten assoziieren lässt und ebenso die Unantastbarkeit wie die Verletzlichkeit von Menschen symbolisiert. Anstelle der Köpfe schultern die Figuren Teller, die projizierte Porträts des Preußenkönigs reflektieren. Mittels Animation werden diese Gesichter zum Sprechen gebracht. Zu hören sind Fragmente aus Machiavellis Schrift über den Machtgewinn und -erhalt von Alleinherrschern (Il Principe, 1513) sowie aus der Kritik an dem Werk, die der Kronprinz Friedrich verfasst hat und die 1740 unter dem Titel Antimachiavell veröffentlicht wurde. Sie werden flankiert von weiteren Projektionen und kleinen Monitoren. Auf den Bildschirmen sind die Konterfeis von 42 Diktatoren zu erkennen, die fast unbewegt in den Raum blicken als lauschten sie den Ausführungen, während gegenüber großformatig projizierte Straßenszenen an gesellschaftliche Umbrüche erinnern, wie z.B. die Maueröffnung oder den arabischen Frühling. Im Zusammenspiel aller Elemente fokussiert die Installation auf die komplexen Fragen nach Staatsräson und Menschenrechten, Freiheit und Unterdrückung, Anspruch und Wirklichkeit.

Der italienische Künstler Costantino Ciervo wurde 1961 in Neapel geboren; seit 1984 lebt und arbeitet er in Berlin. Seine Werke wurden u.a. im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe („Notation. Form und Kalkül in den Künsten“, 2009) und auf der 45. Biennale in Venedig („Deterritoriale“, 1993) gezeigt. Die Installation Macht der Freiheit oder Freiheit der Macht (2012) war vom 11.2. bis zum 29.4.2012 im museum FLUXUS+ Potsdam zu sehen (Katalog (dt./engl.): Power, hrsg. museum FLUXUS+, Potsdam 2012). Sie wurde ermöglicht durch die Projektförderung der Hans und Charlotte Krull Stiftung.

www.ciervo.org

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