Stipendiaten 2011/2012

Gerrit M. Bekker

Beim Anblick mancher Arbeiten Gerrit Bekkers fühlt sich der Betrachter regelrecht ertappt und weiß zunächst nicht einmal, aus welchem Grund. Er findet sich in einer Zwischenwelt, nicht real, nicht irreal zu nennen. Er sieht Objekte, die sich nicht definieren, Räume, die sich nicht abgrenzen lassen und Figuren aus offenbar fremden Welten.

Da Bekkers Malerei durchaus gegenständlich ist, provoziert sie das Verlangen nach Klarstellung, nach Identifizierung, doch das kann in den Regeln einer geläufigen Systematik nicht gelingen. Vielmehr bedrängen den Betrachter Ahnungen und Visionen von Dingen und Vorgängen, die ihm unterschwellig bekannt sind: aus nicht klar erinnerbaren Träumen etwa, ohne Ausweg, ohne Lösung. In diesem Sinne ‚ertappt‘ das Bild den Menschen. Er kennt es, aber erkennt es nicht. Eigentlich ein unerhörter Vorgang, der manche auf Anhieb verstört, viele aber eher fasziniert. Sehen, schauen, assoziieren, reflektieren. Solche Arbeiten sind demnach Spiegelungen am Inneren des Künstlers, sie vermitteln auch Ahnungen über die Befindlichkeit, ja, über das Wesen des Künstlers Gerrit Bekker. Nur wird der Betrachter die erwähnte Kette nicht rückverfolgen können, um etwa zu erkennen, was der Künstler ursprünglich (im fotografischen Sinne) gesehen hat, so wie hinter jedem Traum ein Stück Realität verborgen ist und bleibt. Und sehr oft wirkt das hergestellte Bild wie das Angebot einer wichtigen Nachricht, die sich – wie schon angedeutet – niemals aufdrängt.

Gerrit M. Bekker wurde 1943 in Hamburg geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin und in Lindewitt (Schleswig-Holstein).

www.gerritbekker.de

Sophie-Therese Trenka-Dalton

The Royal Lion Hunt (Iraqi Embassy Berlin-Pankow), 2011

The Royal Lion Hunt (Iraqi Embassy Berlin-Pankow), 2011

Sophie-Therese Trenka-Dalton untersucht reale und imaginäre Räume, denen Zeichen mesopotamischer Kultur eingeschrieben sind. Über räumliche Collagen oder Buchprojekte thematisiert sie transkulturelle Aneignungsprozesse. Ihre Werke öffnen den Blick für Verbindungen zwischen Orten, Kulturen und Epochen jenseits vertrauter Erfahrungen und Erzählungen.

Die Visualisierung dieser Bezüge sucht die Künstlerin innerhalb der Architektur und entwirft für die künstlerische Ausarbeitung (Skulptur, Installation, Fotografie) räumliche Collagen aus gefundenem Material, Rekonstruktion und Neuschaffung. So verdeutlicht sie den Umgang mit Referenzen der architektonischen Gestaltung. In den ausgetauschten Zusammenhängen erfahren die Zitate eine Verschiebung ihrer Wirkung. Die Modelle veranschaulichen damit Sichtweisen einerseits auf das ursprüngliche und andererseits auf das gebrauchende und verbrauchende Bezugssystem, das seinerseits im Prozess der Aneignung zwangsläufig unvorhersehbaren Änderungen unterliegt.

Zuletzt hat sich Trenka-Dalton mit der verlassenen Botschaft der Republik Irak in Berlin-Pankow beschäftigt und dazu das Buch The Distance Narrows (2010) zusammen mit Hannes Schmidt vorgelegt. Aktuell befasst sich die Künstlerin mit DubaiLand, dem 2009 gestoppten Bauprojekt in Dubai zur Schaffung des weltgrößten Unterhaltungsparks.

Sophie-Therese Trenka-Dalton wurde 1979 in Berlin geboren, wo sie auch lebt und arbeitet.

http://trenka-dalton.info

Claus Larsen

Pending, 2011

Metallketten schleifen übers Parkett, rotierende Leuchtstoffröhren formen einen Lichtzylinder, fallende Holzbalken erschüttern das Fundament. – Die Maschinen des Künstlers Claus Larsen bewegen Vertrautes, bewirken aber Klänge, Lichteffekte und Schwingungen, die verwundern, verwirren und bisweilen beunruhigen. Seine Stahlkonstruktionen könnten aus dem Bergbau oder der Schwerindustrie stammen, tatsächlich sind sie aber äußerst unproduktiv, ambivalent und selbstreferentiell. So erscheint eine seiner raumgreifenden Maschinen ebenso stabil und verlässlich, wie übermächtig und bedrohlich. Andere Arbeiten wirken diskreter, zum Beispiel Pending, die erste Maschine, die Larsen 2011 als Stipendiat der Hans und Charlotte Krull Stiftung realisiert hat. Über Ausleger und Ketten wird hier ein Bündel aus Gebrauchsgegenständen aus Larsens Atelier, zu denen eine Leiter, ein Besen, Verpackungsmaterial und Arbeitskleidung zählen, um die eigene Achse gedreht. Das gleichmäßige Rollen, die stete Wiederkehr der Dinge im Zusammenspiel mit dem Ächzen und Stöhnen des Mechanismus’ schaffen eine meditative Atmosphäre, die zur Reflexion über die ursprüngliche, aktuelle und zukünftige Funktion des ausgestellten Materials anregen. Auch diese skulpturale Maschine basiert auf den Experimenten des Künstlers mit Akustik, Optik, Dynamik und Vibration, auch Pending fordert wieder alle Sinne des Betrachters.

Claus Larsen wurde 1977 im dänischen Aarhus geboren. Er hat an der Funen Academy of Fine Arts in Odense studiert und dort 2008 seinen Abschluss in Bildhauerei gemacht. Seit 2006 lebt und arbeitet er in Berlin. 2005 hat Larsen ein Bildhauer-Stipendium der Royal Danish Academy erhalten. Seine Werke waren in vielen Ausstellungen zu sehen, unter anderem 2011 in der Galerie Marianne Friis, Kopenhagen („Little Reading, Much Seeing and Much Doing.“) oder 2008 im Projektraum Parrota in Berlin („Maschine“, 2008).

http://clauslarsen.com

Ulrike Seyboth

vivhanat, 2010

Die abstrakten Bilder von Ulrike Seyboth inspirieren Betrachter zu individuellen Deutungen: Farbflecken und Pinselschläge werden als eine Art Notenschrift, die Kompositionen als musikalische Malerei verstanden (Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 2012). Einige Rezipienten assoziieren mit den Arbeiten Felder und Wüstenlandschaften (Thea Herold, Tagesspiegel, 2008). Andere entdecken in den Bildern sublime Referenzen auf das Licht, die Landschaft und die Architektur in Burgund, einer Region im Zentrum Frankreichs, in der die Künstlerin neben Berlin seit 2001 lebt und arbeitet (Wilhelm Werthern, Le Monde diplomatique, 2009). – Ulrike Seyboth erklärt: „In meiner Malerei verbinde ich unbewusstes Träumen mit dem schöpferischen Willen und erschaffe Bilder aus meinem Inneren, die mir immer neu sind. Dabei lösen sich Zufall und Spontaneität sowie kontrolliertes Reagieren ab“. Demnach werden die ausdrucksstarken Farben, die wiederkehrenden Wechsel zwischen Leere und Form sowie die charakteristischen Spannungen zwischen zarten Linien und kraftvollen Strichen sowohl intuitiv gesetzt als auch bewusst gesteuert. Im Ergebnis wirken die Bilder von Ulrike Seyboth zuvorderst sinnlich und emotional – oder eben „wie Aufsichten auf ein Gelände, das neugierig und spielerisch erkundet und mittels eindringlicher Zeichen markiert und definiert wird.“ (Klaus Hammer: „Die Haut der Welt“. In: Ulrike Seyboth. c’est la vie – dispositionen, 2009).

Ulrike Seyboth wurde 1970 in Schneeberg geboren. Sie hat zwischen 1992 und 1997 Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert und war Meisterschülerin bei Professor Dieter Goltzsche. Ihre Bilder und Zeichnungen waren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. 1999 war sie mit einem Residenzstipendium der Senatsverwaltung Berlin ein Jahr lang in Paris. Heute lebt und arbeitet sie in Frankreich und Berlin.

www.ulrike-seyboth.de

Projekt 2011/2012

Rehpfad

Ein künstlerisches Forschungsprojekt von Constanze Witt

Kostüm und Maske aus Rehpfad (Detail)

Animalische Fellwesen und menschartige Gestalten ohne Kopf sind bei archaischen Ritualen, alltäglichen Handlungen und sadistischen Gewaltexzessen zu sehen. Filmisch in Szene gesetzt werden die seltsamen Figuren von Constanze Witt. Die 30 kurzen Filme bilden den zweiten Teil ihres auf mehrere Jahre angelegten künstlerischen Forschungsprojekts Rehpfad, das seinen Abschluss in einer multimedialen Ausstellung finden wird.

In Rehpfad wird eine bedrohliche Welt entworfen, die mit den Schauplätzen Schiff, Wald und Hütte sowie den Erzählmotiven Eroberung, Unterdrückung und Widerstand an die Conquista Mittel- und Südamerikas im 16./17. Jahrhundert erinnert. Das Projekt basiert auf zeitgenössischen Berichten von Seefahrern, Siedlern und Missionaren, vor allem aber auf Mythen der indigenen Völker. Rehpfad führt auf verstörende Weise vor, wie (berechtigte) Ängste vor dem Anderen in Bildern aufgerufen und geschürt werden können.

In das Projekt fließt auch die Biographie der Künstlerin ein, deren Familie in Chile gelebt hat bevor sie nach Deutschland, einem der vielen Ursprungsländer ihrer Vorfahren, ausgewandert ist. Seit Jahren beschäftigt sich Constanze Witt mit dem Thema Fremdheit, das sowohl ihre Ahnen als Eindringlinge auf dem amerikanischen Kontinent als auch ihre Familie in der Immigration entscheidend geprägt hat.

Constanze Witt wurde 1976 in Rüsselsheim geboren. Ihre Zeichnungen und Filme waren u.a. in der Pinakothek der Moderne München („Dual Presentation“, 2004), in der Akademie der Künste („In sieben Feldern“) sowie auf zahlreichen Filmfestivals zu sehen. Der zweite Teil des Projekts Rehpfad wird u.a. aus Mitteln der Hans und Charlotte Krull Stiftung realisiert.

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