Pinsel

Stipendiaten 2017/2018

Rajkamal Kahlon

Im Werk der U.S.-amerikanischen Künstlerin Rajkamal Kahlon wird der Betrachter zum stummen Zeugen einer Autopsie, die das visuelle Vermächtnis vergangener Herrschaftssysteme untersucht. Als Träger ihrer gemalten und gezeichneten Forschungen unterzieht sie historische Archivalien und damit im übergeordneten Sinne auch die Geschichte einem regenerativen Transformationsprozess. Entsprechend einer medizinischen Sektion avanciert dabei der Körper, als verletzliches Ziel ebenso öffentlicher wie intimer Gewalt, zum zentralen Motiv der künstlerischen Auseinandersetzung.

Für die Installation „People of the Earth“ (2017) befreit sie beispielsweise die in weltanschaulich vorgeprägten Illustrationen und Fotodokumenten aus kolonialzeitlicher Literatur, Zeitungen oder Wissenschaftsberichten gezeigten Körper durch filigrane Übermalungen von ihrer oftmals diffamierenden öffentlichen Zurschaustellung und stößt darüber hinaus die Rehabilitation verzerrter und bisweilen gar ausradierter Geschichtsbilder an. So werden politische Diskurse künstlerisch wiederbelebt und, begleitet von Zorn, Leid und Rache, aber auch Humor, in eine Arena der Emotionen transferiert.

Ausstellungaansicht der Installation "People of the Earth" im Weltmuseum Wien (2017 - 2018)
Ausstellungaansicht der Installation "People of the Earth" im Weltmuseum Wien (2017 - 2018)
Detail der Installation "People of the Earth", 2017
Detail der Installation "People of the Earth", 2017

Rajkamal Kahlon studierte am California College of Art Malerei und absolvierte die Skowhegan School of Painting and Sculpture sowie das Whitney Independent Study Program in New York. Das sowohl in ihrer U.S.-amerikanischen- als auch in der deutschen Wahlheimat vielfach ausgezeichnete Werk der Künstlerin wurde bereits weltweit von Museen, Stiftungen und Biennalen zur Ausstellung gebracht, beispielsweise bei der Taipei Biennial, im Museum of Modern Art Warschau oder zuletzt im Welt Museum in Wien.

www.rajkamalkahlon.com

Ulu Braun

Archaische Urzustände stellt Ulu Braun auf poetische Weise globalisierten und postmodernen Alltagssituationen gegenüber. Seit nunmehr 20 Jahren entwickelt er Videos im Spannungsfeld von bildender Kunst und Autorenkino. Seine Arbeiten beinhalten medienreflexive und sozialkritische Elemente, die formal und stilistisch ebenso von einer Auseinandersetzung mit der Romantik wie von der Verwurzelung im Graffiti getragen werden.

In seiner multidisziplinären Arbeitsweise verknüpft der Filmkünstler verschiedene Techniken und Strategien zu komplexen Werken von hybridem Charakter. Ein stets wiederkehrendes Prinzip stellt dabei die Collage dar. Durch den organischen Transfer der Malerei in die Videokunst konnte Ulu Braun die Videocollage maßgeblich definieren und stets weiterentwickeln, sodass er mittlerweile zu den herausragenden Positionen des Genres zu zählen ist. Im Förderzeitraum möchte Ulu Braun seine Arbeit im Bereich der Videocollage in Kombination mit raumgreifenden Objekten weiter entwickeln.

Installationsansicht "The Park", Video, KW Berlin, 2015 (© Timo Ohler)
Installationsansicht "The Park", Video, KW Berlin, 2015 (© Timo Ohler)

Ulu Braun studierte zwischen 1996 und 2005 Malerei und Grafik in Wien sowie Film an der Filmuniversität Babelsberg. Als Daad-Stipendiat gastierte er am Time&Space Department der Akademie der bildenden Künste in Helsinki. Unter anderem ausgezeichnet mit dem Berlin Art Prize (2014) und dem Arte Shortfilm Award (2017) wurden seine Arbeiten auf zahlreichen internationalen Filmfestivals sowie beispielsweise im MARTa, Herford (2013), KW Berlin (2015), Hirshhorn Museum, Washington D.C. (2015) oder dem Pariser Centre Pompidou (2016) gezeigt.

www.ulubraun.com

Sven Johne

Sven Johnes Arbeiten finden ihren Ausgangspunkt in den politischen und sozialen Umbrüchen der jüngsten deutschen und europäischen Geschichte. Über die bloße Bestandsaufnahme hinaus, schreibt er seinen Fotografien, Bild-Text-Arbeiten und Videos den Wunsch nach Kommentar, Kritik und Veränderung ein. In dem Bewusstsein, dass es in der medialen Gesellschaft des permanenten Spektakels neuer Formen der Artikulation bedarf, als die einer distanzierten Perspektive, lässt er die Grenzen von Dokument und Fiktion auf ironische, wenn nicht sarkastische Weise verwischen.

So fokussiert etwa Johnes jüngste Videoarbeit „Lieber Wladimir Putin“ (2017) das Streben nach regionaler Abspaltung. Vor allem im Osten Deutschlands fühlen sich immer mehr Menschen unverstanden, abgehängt und nicht mehr adäquat von der Bundesregierung repräsentiert. Einer von ihnen richtet seine Sorgen und Wünsche an den Vertrauten seiner Wahl: Wladimir Putin. Der Monolog gleicht einer Beichte, die uns gleichermaßen auffordert, eigene politische Standpunkte zu hinterfragen.

Still aus "Lieber Wladimir Putin", 4K Video, 17:30 min, 2017
Still aus "Lieber Wladimir Putin", 4K Video, 17:30 min, 2017

Nachdem er bereits Journalismus und Germanistik studiert hatte, schloss Sven Johne sein Studium der Fotografie an der HGB Leipzig als Meisterschüler von Timm Raunert ab. Künstlerresidenzen, Austauschprogramme und zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen führten ihn bereits um die gesamte Welt. Allein im Jahr 2016 wurde sein vielfach ausgezeichnetes Schaffen neben zahlreichen deutschen Galerien, Kunstvereinen und Museen wie der Münchner Pinakothek u.a. in Japan, Russland, Österreich, Luxemburg und Polen gezeigt.

www.svenjohne.de

Projekte 2017

Datscha Radio 17

Klangwellen der Gartenkunst

„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Datscha Radio folgt den Worten des indischen Dichters Tagore und sendet fünf Tage am Stück live aus einem Schrebergarten des Pankower Garten- und Siedlervereins „Einigkeit“.

Das Projekt wurde 2012 von Gabi Schaffner und Pit Schultz (reboot.fm) initiiert. Zwei Jahre später reiste es unter dem Titel „100 Tage Datscha Radio“ zur Landesgartenschau nach Gießen. Nach langer Vorbereitung und in Zusammenarbeit mit Colaboradio im Pi Radio Verbund Berlin geht die mobile Radiostation vom 25. bis 29. August 2017 nun erneut auf Sendung.

Der zu erwartende Lauschangriff interpretiert die Gartenkunst in einen interdisziplinär angelegten künstlerischen Dialog von Menschen, Flora und Fauna um. Das selbst geschaffene Idyll der Parzelle fungiert dabei als künstlerische Metapher für organisches Wachstum, Gemeinschaft und interkulturelle Teilhabe. Inspiriert von der botanischen Intelligenz und Diskursen über die Zukunft des Gärtnerns bringen Akteure aus der internationalen Radiokunstszene mit Features, Klangstücken und Kompositionen beispielsweise die Sprache der Pflanzen zu Gehör.

Ab Freitag, den 25. August 2017, 12 Uhr mittags sendet Datscha Radio fünf Tage lang rund um die Uhr über die eigene Website, sowie zu ausgewählten Zeiten berlinweit auf UKW 88,4 MHz und in Potsdam auf 90,7 MHz.

www.datscharadio.de

Datscha Radio: a garden in the air
Datscha Radio: a garden in the air