Stipendiaten 2014/2015

Bettina Nürnberg

Flat roofs for Mussolini, 2011 (Standbild)

Flat roofs for Mussolini, 2011 (Standbild)

Bettina Nürnberg ist eine Künstlerin, die in ihrem bevorzugten Ausdrucksmittel Film beschreibende und erzählerische Elemente stets mit Reflexionen über die strukturellen Bedingungen des Mediums verknüpft. So folgen im Film „Die amerikanischen Häuser“ (2010) auf dokumentarische Ansichten von Gebäuden Thilo Schoders, einem wenig bekannten Vertreter des Neuen Bauens, Animationen architektonischer Grundformen im Stil früher Experimentalfilme. In narrativ angelegten Arbeiten wie „Tier im Wald“ (2007/09) oder „Revolutionary Teaparty“ (2006) verstärken Verfremdungseffekte den Eindruck von Desorientierung und Ausweglosigkeit. Zuletzt hat sich Bettina Nürnberg in Filmen über die Architektur des Italienischen Rationalismus („Flat roofs for Mussolini“, 2011) oder die Siedlung Ebensee, die auf den Trümmern eines ehemaligen Konzentrationslagers gebaut wurde („Zement“, 2014), mit dem Thema Erinnerungskultur befasst. Die meisten Filme realisiert sie zusammen mit dem Künstler Dirk Peuker, die autonomen Objekte zu einzelnen Filmsujets entstehen in Eigenregie.

Bettina Nürnberg hat an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg Videokunst und Film studiert. Arbeiten von ihr waren u.a. im Haus der Kulturen der Welt, Berlin (2013), im Museo Reina Sofía, Madrid (2011), und im Museum Ludwig, Köln (2009), zu sehen. 2008 hat sie ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds erhalten.

Weitere Informationen
: http://bettinanuernberg.de

Marc Bijl

Dirty Porn II, 2013

Dirty Porn II, 2013

Wie viele Künstler seiner Generation zeigt sich der Niederländer Marc Bijl in seiner Arbeit beeinflusst durch frühe Erfahrungen in der Graffiti-Szene. Entsprechend provokant artikuliert er sich in Werken wie den von schwarzer Industriefarbe übergossenen Denkmälern und Designklassikern oder der Übersetzung der im Kontext der Pop Art entstandenen LOVE-Grafik in „PORN“, als Ausdruck für die Verwahrlosung des Gefühls in unserer Gegenwart. Bildhafte Zitate von Mondrian, Rothko oder Newman entspringen einem ähnlichen konzeptuellen Ansatz: Die Konfrontation und Zerstörung von Mythos und Utopie. Derartig pointierte Inhalte setzt der Wahlberliner stets in einer Bildsprache um, welche in Silber, Gold, Weiß und Schwarz ausgeführt, ebenso an Ikonen der Kunstgeschichte erinnern wie an Graffiti-Bombings. Momentan verarbeitet der Künstler verputzte Leinwände sowie rostige Oberflächen zu meditativen Farbfeldern oder skulpturalen Konstruktionen und schafft damit neben der strukturellen Vereinigung von derber und zarter Materie die Verbindung von Kunst aus dem musealen und dem öffentlichen Raum.

Marc Bijl studierte Kunst an der Royal Acadamy of Art & Design in Hertogenbosch und an der Rennie Macintosh School of Art in Glasgow. Seine Werke wurden u.a. in der Upstream Gallery in Amsterdam (2014), dem Groninger Museum (2012) und in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel (2009) sowie in New York, Paris und London gezeigt. 2004 erhielt er vom International Studio & Curatorial Program eine Residency in New York sowie 2008 den Theo Wolvekamp Painting Prize.

Weitere Informationen
: www.studiomarcbijl.com

Fiete Stolte

Drawing your mirror, 2013 (Ausschnitt)

Drawing your mirror, 2013 (Ausschnitt)

Fiete Stolte zählt zu den Künstlern, die den eigenen Körper zur Erkundung von Zeit, Raum und Material einsetzen und in Fotografien, Objekten oder Filmen un/mittelbar einbringen: Die Videoarbeit „Scenery“ von 2010 dokumentiert seinen verhüllten Rumpf in unwillkürlicher Bewegung während des Nachtschlafs. Die beiden Anzüge in „Suits“ (2012) wurden für ihn maßgeschneidert, wie einst der Filzanzug für Joseph Beuys (im Unterschied zu diesem allerdings aus Rettungsdecken). Viele Polaroids aus „Studien“ von 2013 zeigen Gliedmaßen des Künstlers mit Schatten und Faltenwürfen. Bei dem Objekt „Drawing Your Mirror“ (2013) handelt es sich um einen Guss seiner Hand aus Graphit, mit dem er gezeichnet hat bis die Zeigefingerspitze spiegelglatt poliert war. – Die Werke von Fiete Stolte sind aber nicht nur als formale Untersuchungen zu verstehen, sondern immer auch als theoretische Reflexionen über das Verhältnis zwischen Werk und Künstler, Zeichen und Bezeichnetem, Vor- und Nachbildern.

Fiete Stolte hat an der Kunsthochschule Berlin Weißensee Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Bildhauerei studiert. Er hat unter anderem im MOCA Museum of Contemporary Art Taipei (2013), auf der III. Moscow Biennial for Young Art (2012), im Reykjavik Art Museum (2011), auf der 6th Nordic Biennale of Contemporary Art (2011) ausgestellt und auf der Art Basel Statements präsentiert (2009).

Weitere Informationen: 
http://fietestolte.com

Projekte 2014

Gartenparade – atelier le balto

Gärten für die Berlinische Galerie

„Gartenparade“ ist ein Projekt des atelier le balto, das von der Berlinischen Galerie eingeladen wurde, den Außenraum des Museums gärtnerisch zu gestalten. Ausgangspunkt ist das Anliegen, über eine Bepflanzung des Vorplatzes Passanten auf das Haus und sein Programm aufmerksam zu machen. Ferner sollen Pflanz-, Pflege- und Erntepartnerschaften ermöglichen, den Austausch mit Besuchern und Nachbarn des Museums zu vertiefen.

In seiner interaktiven Ausrichtung reflektiert die „Gartenparade“ die aktuelle Urban Gardening Bewegung, die gerade in Berlin großen Zulauf findet. Das atelier le balto versteht die „Gartenparade“ auch als Hommage an die Stadt Berlin, die wie kaum eine andere steten Transformationen ausgesetzt ist: „Heute Brache, morgen Garten; gestern Trümmer, heute Wohnbau!“ So verweisen die ausgesetzten Robinien auf die vielen ungenutzten Flächen, die sie als ‚Pionierpflanzen’ vor anderen Gewächsen besiedeln. Und die Bohlen, die die „Gartenparade“ einrahmen, dienen in Berlin üblicherweise dazu, Aufgrabungen zu sichern. Zugleich erscheinen die vertrauten Motive von Baustellen und Brachenbewuchs verfremdet, denn die Hölzer wurden poliert und ungewöhnliche Bäume in die Pflanzungen integriert.

Das atelier le balto ist ein 2001 gegründetes, international renommiertes Büro für Landschaftsarchitektur mit Sitz in Berlin. Über das atelier le balto entwerfen und realisieren Marc Pouzol (geb. 1966 in Bourg-la-Reine), Véronique Faucheur (geb. 1963 in Oran) und Marc Vatinel (geb. 1967 in Lille) vor allem Gärten für Kunstinstitutionen, wie das Palais du Tokyo, Paris (2002), die KW – Institute for Contemporary art (2004-2007), die Villa Romana, Florenz (2009-2014) oder das Ludwig Forum in Aachen (2010-2014).

Fotos: Carolin Wagner

Fotos: Carolin Wagner

Weitere Informationen:
www.berlinischegalerie.de
www.lebalto.de

27 desert days

Ein Ausstellungsprojekt von Mirja Busch

Inside, 2014 (Installation l'Atelier ksr)

Inside, 2014 (Installation l’Atelier ksr)

Das Ausstellungsprojekt „27 desert days“ steht für die Auseinandersetzung der Berliner Künstlerin Mirja Busch mit Ikonen der US-amerikanischen Land Art, die zum Bezugssystem ihrer eigenen Arbeiten zum Thema Landschaft zählen. Das Projekt basiert auf Forschungen der Künstlerin am Archiv für Land und Environment Art des Massachusetts Institute of Technology sowie auf ihrer Reise in den Südwesten der USA, wo seit Ende der 1960er Jahre einige der einflussreichsten Werke dieser Kunstrichtung entstanden sind.

Die Ausstellung „27 desert days“ wurde vom 22.2. bis zum 22.3.2014 in den Räumen der Projektgalerie L’Atelier-ksr veranstaltet. Zu sehen waren Foto-, Sound- und Installationsarbeiten von Mirja Busch, die Ansätze, Wirkweisen und Vermittlungsformen von Land Art ebenso kritisch wie humorvoll reflektieren. Eigene, ortsspezifische Erfahrungen hat sie hier gegen die idealisierten Darstellungen der Werke gesetzt, die den Diskurs dominieren und der Überhöhung und Mystifizierung der historischen Arbeiten Vorschub leisten. So bietet die Audioinstallation „Sound Sites“ (2014) eine akustische Annäherung an fünf Earth Works, die Fotoarbeit „A Highway Performance“ (2014) zeigt den zivilisatorischen Horizont der vermeintlich entlegenen Orte, und die Installation „Inside“ (2014) fokussiert auf die Bedeutung des landschaftlichen Umfelds für die Werke. Während Mirja Busch in früheren Arbeiten Landschaften zuvorderst als Gestaltungsmaterial zur Schaffung abstrakter Bildräume verwendet hat, fokussiert sie in dieser neuen Werkgruppe auf kulturelle Kontexte, die unsere Vorstellung von Landschaft und Kunst maßgeblich prägen.

Die Ausstellung wurde flankiert von zwei Gesprächsrunden, in denen der Künstler Reiner Maria Matysik, der Kultursoziologe Ignacio Farías und die Kunstwissenschaftlerin Sidsel Nelund über Dokumente und Archive sowie über das Arbeiten in und mit Landschaften diskutiert haben.

Mirja Busch wurde 1978 in Hamburg geboren und lebt seit 2006 in Berlin. Sie hat an der HBK Braunschweig und der Universidad de Chile Freie Kunst studiert und war Meisterschülerin bei Frances Scholz. Werke von ihr waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, u.a. in The Wand („So abstrakt“, 2013), der Galería Lamutante, Kolumbien („Parallanx“, 2011) und dem Musée d’Art Contemporain de Bordeaux („Dystopia“, 2011). Zu den Förderungen, die Mirja Busch erfahren hat, zählt u.a. die Teilnahme am Goldrausch Künstlerinnenprojekt 2011.

Weitere Informationen:
www.mirjabusch.com
http://latelier-ksr.com

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