Pinsel

Stipendiaten 2019/2020

Christian Schellenberger

Schlenker (Ausstellungsansicht MdbK Leipzig), 2018, Tusche auf Wand, 500 × 987 cm, Foto: dotgain 

Schlenker (Ausstellungsansicht MdbK Leipzig), 2018, Tusche auf Wand, 500 × 987 cm, Foto: dotgain

S-Bahn, Bus und Zug werden für ihn zum fahrenden Atelier. Christian Schellenbergers Zeichnungen entstehen bevorzugt auf Reisen. Analog zu der Entdeckung unbekannter Orte setzt die Arbeit mit Rohrfeder und Tusche einen Prozess in Gang, der von Kontrolle, Zufall und körperlichem Einsatz bestimmt wird. In der Bewegung stößt jede gesetzte Spur eine neue Geste an. Auf diesem Wege formt, wiederholt und verdichtet der Künstler verschiedene Striche, Kritzel, Linien und Schriften zu abstrakten Strukturen, die durchaus an einen Fensterblick während der Fahrt erinnern. „Ich erzeuge schriftartige Zeichen, die noch keine Bedeutung in sich tragen. Ich greife aber auch organische oder architektonische Formen auf. Generell suche ich nach allen möglichen Linien, die etwas von mir und der spezifischen Situation wiedergeben.“

Je länger die Reise dauert, desto tiefer dringt er in die zeichnerische Sphäre vor und es entstehen komplexe Serien wie die „Zugzeichnungen (Berlin – Beijing)“ (2014-2017), die er auf mehreren Bahnfahrten zwischen Berlin und Peking angefertigt hat. Kontrastierend dazu zog sich der Künstler zuletzt aus dem öffentlichen Verkehr zurück und arbeitete vorwiegend am heimischen Schreibtisch oder direkt im Ausstellungsraum. Angesichts monumentaler Wandbilder wie dem zehn Meter breiten „Schlenker“ ganz offensichtlich bei konstantem Arbeits- und Zeitaufwand.

Christian Schellenberger

Christian Schellenberger

Christian Schellenberger (*1980) hat an der Kunsthochschule Berlin Weißensee (2005-2009) und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (2009-2012) studiert. Seine Arbeiten waren zuletzt im Japanischen Kulturinstitut Köln (2019), in der Kunsthalle Recklinghausen (2018), in der Galerie b2 (2018), und im Museum der bildenden Künste Leipzig (2018) zu sehen. 2009 gewann er den Kunstpreis „junger Westen“ 09. Seine Arbeit wurde durch ein Austauschstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für Peking (2014) und ein Stipendium des DAAD für China (2015) gefördert.

www.christian-schellenberger.com

Stephanie Steinkopf

Untitled, aus der Serie Manhattan – Straße der Jugend, 2012

Untitled, aus der Serie Manhattan – Straße der Jugend, 2012

Sie erforscht die möglichen Beziehungen zwischen realem Geschehen und künstlerischer Inszenierung. Stephanie Steinkopfs fotografische Langzeitstudien bewegen sich entlang politischer und sozialer Themenfelder. Im Fokus stehen einzelne Menschen mit ihren inneren Konflikten und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei verknüpft sich ein kühler Blick dokumentarischer Objektivität mit der Wärme persönlicher Betroffenheit zu einem häufig polarisierenden Gesamtbild.

Für „Manhattan“ (2008-2012) begleitete sie über vier Jahre hinweg die letzten Bewohner einer gleichnamigen Neubausiedlung in Brandenburg. Ehemalige Prestigeobjekte der DDR sind verkommen zur Metapher für gelebte Perspektivlosigkeit. Verwahrlosung, Verfall und Resignation kennzeichnen nicht nur Treppenhaus und Wohnungen, sondern spiegeln sich auch in den Gesichtern sozial abgehängter Menschen wieder. Die Serie Vogelfrei (2013-2015), für die Stephanie Steinkopf obdachlose Frauen in Berlin begleitete und porträtierte, konfrontiert den Betrachter, wenngleich unter anderen Vorzeichnen, auf vergleichbare Weise mit der unbequemen Wahrheit gesellschaftlicher Disbalance.

Stephanie Steinkopf

Stephanie Steinkopf

Nach einem Magisterabschluss studierte Stephanie Steinkopf an der Ostkreuzschule in Berlin Fotografie und besuchte anschließend die Meisterklasse bei Ute Mahler und Robert Lyons. Sie wurde u. a. mit dem Vattenfall Fotopreis (1. Platz, 2012), dem Nachwuchsförderpreis „gute aussichten –junge deutsche Fotografie“ (2013/14), dem European Photo Exhibition Award (2014) und dem Lotto Brandenburg Kunstpreis Fotografie (2015) ausgezeichnet. Ihre Arbeiten waren bereits in Europa, Mexico und in den USA zu sehen. Sie ist Mitglied der Agentur Ostkreuz und Mitglied der Deutschen Fotografischen Akademie.

www.stephaniesteinkopf.de

Leon Eixenberger

Sometimes to light the soil, one has to dance upon its shadows (Performance-Dokumentation), 2012

Sometimes to light the soil, one has to dance upon its shadows (Performance-Dokumentation), 2012

„An dem Verhältnis zwischen Architektur und Mensch interessiert mich das raumbildende Element unter Einbeziehung des Betrachters als Co-Produzent des Werkes.“ Leon Eixenberger erschafft Situationen, die grundlegende Parameter der Relation eines Individuums zu seiner physischen und gesellschaftlichen Umgebung experimentell nachvollziehen und hinterfragen. Dabei bedient er sich eines klaren geometrischen Kanons und verweist so auf originäre Formen von architektonischem Charakter.

Mit partizipativen Interventionen wie „Sometimes to light the soil, one has to dance upon its shadows” (2012) in Addis Abeba sensibilisiert Leon Eixenberger den Betrachter für die körperliche und emotionale Erfahrung von (sozialem) Raum. In formaler Anlehnung an eine Konstruktionsmethode aus dem äthiopischen Kirchenbau des 12. Jahrhunderts, versteht sich das eigentliche Werk als negative Form und entspricht dem abgetragenen Teil einer plastischen Masse. So führt ein quadratisch angelegter Schacht rampenartig in das Erdreich hinein und ermöglicht beim Beschreiten der Installation die Wahrnehmung einer sich unmittelbar verschiebenden Horizontlinie. Die zentrale Aussage der Arbeit manifestiert sich ausschließlich in dem ephemeren Moment des produktiven Kontaktes von Werk und Rezipient, wonach der Titel schließlich verlangt: Manchmal muss man eben auf seinem Schatten tanzen, um den Boden zu beleuchten.

Leon Eixenberger

Leon Eixenberger

Leon Eixenberger (*1985) studierte Kunst am Institut für Raumexperimente an der Berliner Universität der Künste bei Olafur Eliasson (2011-2014). 2017/18 nahm er am Residency Program der steirischen Landesregierung in Graz teil. Seine Arbeiten waren u. a. bein der Public Art Munich (2018), im Hamburger Bahnhof Berlin (2017), im Hebbel am Ufer Theater in Berlin (2107), im staatlichen Architekturmuseum in Moskau (2015) in der Neuen Nationalgalerie Berlin (2014), im Vitamin Creative Space Guangzhou (2014) und im Museum of Modern Art in Addis Abeba (2012) zu sehen.

www.leoneixenberger.net